Das Internet is not kaputt

Das Netz erlaubt es jedem Menschen, seine Meinung frei zu teilen. Nach dem NSA-Skandal ist dies wichtiger denn je. Aus dem Amerikanischen von Geoff Jarvis


Ich bin ein Kind der 50er Jahre. Wie gerne hätten wir auf der Straße gespielt! Doch das ging nicht. Es fuhren zu viele Autos. Und instinktiv wussten wir: Das ist gefährlich. Und instinktiv wussten wir aber auch: Das Auto wird die individuelle Freiheit ausweiten. Also verzichten wir aus freien Stücken darauf, Fußball auf der Straße zu spielen. Doch unsere Eltern und Lehrer wollten das nicht wahrhaben. Stets und ständig ermanten sie uns: Spielt ja nicht auf der Straße! Das ist gefährlich. Unser Verantwortungsbewusstsein unterschätzten sie dramatisch.

Als ich älter war – vielleicht so 14, 15 – hätte ich gerne die Welt gesehen: das Great Barrier Reef, die Killing Fields, Nürnberg. Aber das ging nicht. Ich müsse erst die Schule zu Ende machen, einen Beruf erlernen, um mir solche Reisen erlauben zu können, sagten meine Eltern, meine Lehrer, mein Land.

Aber das wusste ich auch schon.

Sich für das First Amendment einsetzen, natürlich!

Was würde das zweite “o” von links machen?

Es war wirklich nicht die NSA, die mir die Welt vorenthielt. Amerika war ein freies Land, wir kannten keine Stasi. Wir hatten Deutschland vom Dritten Reich befreit, und unsere Wirtschaft setzte sich weltweit für Menschenrechte ein: das Automobil, Ketchup-Brötchen mit Hack und Käse, unbürokratische Eheschließungen in Las Vegas. Doch eine unheilige Allianz aus staatlichen Eingriffen, Autoritäten und nicht zuletzt den Journalisten der New York Times hatte beschlossen, den Menschen das Wissen vorzuenthalten.

Mit dem Internet änderte sich alles. Ich stellte fest, dass mir die Pizza im Restaurant um die Ecke gar nicht so gut schmeckte, wie ich immer gedacht hatte. Nutzerkommentare auf Qype führten mir vor Augen, dass der Küchenchef nicht etwa das beste Produkt zum besten Preis anbot, sondern es mit seinen Berufspflichten in der Küche nicht so genau nahm. Darüber stand in der New York Times nichts.

Mit dem Internet verbreitete sich das Wissen sekundenschnell. Jahrelang hatte ich in der Annahme gelebt, dass ich zum Bahnhof fahren muss, um mir am Schalter ein Zugticket zu kaufen. Und zum ersten Mal sah ich Mädchen.

Freies Wissen ist der Treibstoff der Rakete, die sich Zukunft nennt. Doch nun ist diese zweite Aufklärung in Gefahr. Die große Fragestellung, die sich aus den Veröffentlichungen von Edward Snowden ergibt, ist nicht, ob Telefone Metadaten an die Geheimdienste übermitteln. Das ist schlimm, ohne Frage. Zwar ist Wissen erst einmal grundsätzlich positiv. Das gilt auch für Geheimdienste, klar. Denn wenn Informationen per se gut sind und langfristig dazu führen, dass Transparenz herrscht – warum ist es dann so schlimm, dass Geheimdienste auch Informationen sammeln? Keine Frage: Es wird eine große Debatte geführt werden müssen, die sich darum drehen muss, wie wir eigentlich leben wollen.

Wovon ich spreche, ist aber etwas ganz anderes. Die Gefahr ist nicht die NSA. Die Gefahr geht aus von den gleichen Eltern, die den Kindern das Spielen auf der Straße verbieten wollten, um zu verhindern, dass die Kinder Wissen über Fußballspiele auf staatlich kontrollierten Straßen anhäufen und teilen.

Als ich neulich bei meinen deutschen Schwiegereltern zu einem Grillfest eingeladen war (ganz reizende Leute, wirklich. Und die Rostbratwurst ist erstaunlich!), ging es danach in die Sauna. Ich wundere mich oft, wie sich Leute nackt machen können, aber ein Facebook-Profil aus Gründen der Privatheit strikt ablehnen. Als wir so dasaßen (ich mit meinem Handtuch), kam das Gespräch auf Youtube.

Ein Cousin meiner Frau zweiten Grades erzählte diese Geschichte: Vorigen Samstag wollte er mit seinem dreijährigen Sohn den Zoo besuchen, um ihm im dortigen Aquarium ein Seepferdchen zu zeigen. Er ging online, um sich über die Öffnungszeiten, den Anfahrtsweg und die Meinungen bisheriger Aquariumsbesucher zu informieren. Hätte er nur ein Smartphone benutzt!

Was dann passierte, ist Alltag in deutschen Kinderzimmern: Der dreijährige Sohn lehnte es strikt ab, 39 Minuten S-Bahn zu fahren, um dann in einen Bus umzusteigen, der drei Minuten Fußweg entfernt vom Eingang des Aquariums hält. Eintrittspreis: 15 Wuro (jetzt habe ich schon wieder “Wuro” geschrieben, diese europäischen Charsets auf meinem Keyboard machen mich wahnsinnig! “Dollar” schreibt sich einfach viel runder). Bravo!

Ich erkenne mich in dem Sohn wieder. Er sagte: Papa, warum können wir uns das Seepferdchen nicht einfach auf Youtube ansehen? Recht hat er. Die Informationen über Seepferdchen sind im Internet viel genauer als auf diese, von gescheiterten Wissenschaftsjournalisten schlecht geschriebenen Informationstafeln.

Warum erzähle ich Ihnen das? Weil sich eine große Frage an uns alle stellt: Wie wollen wir leben? Wollen wir uns zum Handlanger der Mächtigen machen, die die Verbreitung des freien Wissens eindämmen wollen, um uns in selbstverschuldeter Unmündigkeit zu halten? Wollen wir wir den Mächtigen – Politiker, Journalisten, Aquarienbetreiber, Restaurantmigranten aus Italien – in die Karten spielen? Die Regierung macht mir jedenfalls mehr Angst als Eltern, die ihren Kindern den Zugang zu Youtube, zu frei verfügbarem und frei teilbarem Wissen vorenthalten. Und umgekehrt.

Aber der zukünftigen Generation kann man nichts vormachen. Sie wird sich die Seepferdchen auf Youtube heimlich unter der Bettdecke auf dem iPad anschauen – genau so, wie ihr Großvater den Feindsender gehört hat oder ihr Vater den British Forces Broadcasting Service auf der Suche nach Rock’n'Roll. Wir alten Internetgurus haben ausgedient. Die junge Generation wird den neuen Online-Optimismus, den wir so dringend brauchen, nicht “entwickeln”.

Sie wird ihn leben.

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