Ave Maria

Es war das erste Weihnachten mit dem neuen Papst. Die Bilanz: bescheiden. Gern erinnert man sich daher zurück an Papst Benedikt. Denn der rockte krasser als Kurt Cobain. Ein Rückblick

Eine Soloplatte unterstreicht den Rang des Papstes als Ausnahmekünstler. Benedikt wird Labelkollege von Nirvana und Guns N’ Roses. Wer macht die bessere Musik für die Stunde unseres Todes? Der große Vergleichstest aus dem Jahr 2009

Gegen ihn sind die Beatles eine unbedeutende Schulfestband aus der Nähe von Maghull: Papst Benedikt ist der einzige Megastar, der mit Fug und Recht für sich in Anspruch nehmen kann, berühmter als Jesus zu sein. Doch das würde der bodenständig gebliebene Intellektuelle aus Marktl am Inn nie tun: Joseph Alois Ratzinger, wie Benedikt der XVI. mit bürgerlichem Namen heißt, ist von einer Bescheidenheit, wie sie nur wenige Menschen ziert.

Doch seine Soloscheibe ist nichts weniger als endkrass. “Alma Mater” heißt sie, wurde in mühevollen Nachtschichten vom Pro-Tools-Administrator in den “Abbey Road Studios” zusammengecopypastet und erscheint bei Geffen. Damit wird der Papst zum Labelkollegen von Nirvana und Guns N’ Roses. Entsprechend hoch liegt die Messlatte. Was kann der Papst? Wird sich “Alma Mater” gegenüber den nicht wenig epochalen Werken “Nevermind” und “Appetite For Destruction” behaupten? Hat der Papst auf dem Pop-Olymp neben den strahlenden Lichtgestalten Axl Rose und Kurt Cobain überhaupt noch Platz? Der Papst im großen Spritualitätsvergleichstest.

Wie alle seriösen Rockplatten muss man auch diese sehr, sehr laut hören. Dunkel dräuen dann die Streicher. Im Crescendo bildet sich ein sägender Orgelpunkt heraus – markerschütternd wie Atari Teenage Riot während eines MIDI-Hängers. “Kyrie”, so erschallt lucretianisch eine Frauenstimme – ein großes Wort, gelassen herausgebölkt. Zwei Minuten dreißig wullackt dieser Monster-Goth, dann endlich heißt es: Gegrüßest seist Du, Bene! Die Violinen fahren eine sich wie eine Schlange windende Melodie und dann spricht er: “La fede è amore e perciò crea poesia e crea musica.”

“Alma Mater” ist eine mit Musik unterlegte Spoken-Words-Platte. So bekommt die erste Zeile (“Glaube ist Liebe und bringt darum Poesie und Musik hervor”) natürlich ein ganz besonderes Gewicht. Schon im ersten Satz bricht der Papst mit Publikumserwartungen: Der Eröffnungs-Track trägt den Titel “Sancta Dei Genitrix”, eine Anspielung auf die Lauretanische Litanei, deren Originalversion von 1561 bereits von vielen Päpsten live gecovert wurde. Unter Oldschool-Gesichtspunkten hätten die Vocals also mit “Bitte für uns / O heilige Gottgebärerin” beginnen müssen. Doch diese Worte kommen überhaupt nicht vor, stattdessen folgt ein irrer Cut-up aus Marianischen Antiphonen, wie sie eine große Bedeutung bei den Serviten während der Stundengebete haben, und kommerzielleren Teilen des Ordinarium Missae – das Kyrie ist ja nichts weniger als das Rave-Signal der katholischen Kirche. Hinsichtlich der Lyrics liefert der Papst also gleich zu Beginn ein hochinnovatives Referenzcluster. Bemerkenswert, mit welch leichter Hand der Papst auch noch eine Hommage an das Schaffen Kurt Schwitters’ einarbeitet: Mit dem Wörtchen “perchiò“”(darum) führt er natürlich jeden inhaltlichen Sinn ad absurdum. Da sage keiner, der Papst wisse nicht, “wie der Kirchturm steht”!

Was macht die Konkurrenz?
Schauen wir, was die Konkurrenz zu bieten hat: “Load up on guns / And bring your friends”, so beginnt Kurt Cobain “Smells Like Teen Spirit”. Auch wenn es ausgesprochen gelungen ist, wie diese Zeile sich auf ein flammendes Statement für mehr Gemeinsinn, wie er sich im Wort “Friends” ausdrückt, zum Ende hin verjüngt, gibt es doch an der gesanglichen Darbietung und der interpretatorischen Leistung einiges auszusetzen: Die bedeutungsvollen Worte klingen aus Cobains Mund wie das Genuschel eines hirnverbrannten Junkies. Der Punkt geht klar an den Papst.

Doch o textliche Meisterschaft des William Axl Rose! “Welcome to the jungle / We got fun ‘n’ games”, so beginnt das kardinale Sleaze-Werk “Appetite For Destruction”. Roses Anrufung der beiden Götzen “fun ‘n’ games” ist so viel direkter und ummittelbarer. Der Papst will zwar auf das gleiche hinaus, ergeht sich aber in einer völlig überflüssigen Herleitung von “fun” (“Poesie”) und “Games” (“Musik”) und greift zur Rechtfertigung zu vagen Begriffen wie “Glaube” und “Liebe”. Die Argumentationskette Glaube-Liebe-Poesie-Musik wirkt schwerfällig, dichterisch verquast und inhaltlich kaum überzeugend. Weniger wäre mehr gewesen, dem Papst fehlt es entschieden am Selbstbewusstsein, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Poesie und Musik.

Nun darf man nicht vergessen, dass der Papst gleich mit einem Konzeptalbum debütiert. Er überspringt gewissermaßen sein persönliches “Appetite For Destruction” und steigt gleich bei “Use Your Illusion I” ein – schon beruflich bedingt (der Papst leitet einen international expandierenden Vorspiegelungs-Filialisten) gibt es da ja eine gewisse Nähe, ist der Papst doch ein absoluter Großmeister des Illudierens.

Am Leitthema von “Alma Mater” haben sich schon viele versucht (und nicht wenige sind wie Rammstein daran gescheitert). Papst Benedikt XVI. erzählt auf den acht Tracks von einer Frau, nach deren Liebe er sich verzehrt. Maria heißt sie und hat einen Sohn, mit dem der Erzähler sich eigentlich ganz gut versteht. Doch das reicht nicht: Maria ist auch noch verheiratet. Weil er sie nicht haben kann, erträumt er sich die Angebetete als eine Art reine Göttin. Aufgebläht und geschurigelt vom Testosteron erliegt er der Wahnvorstellung, die Dame sei noch Jungfrau. Das ist natürlich starker und stärkster Premium-Tobak, wie ihn das GNR-Mastermind nicht durchgeknallter hätte erdenken können: “I know this chick / She lives down on Melrose / She ain’t satisfied without some pain”, singt Axl Rose auf “Pretty Tied Up” und dürfte dem Papst damit aus der Seele sprechen. Aber das geschieht erst auf “Use Your Illusion II”. Das Debüt widmet sich dem Thema lediglich mit “Sweet Child O’ Mine”:

She’s got eyes of the bluest skies
As if they thought of rain
I hate to look into those eyes
And see an ounce of pain
Her hair reminds me of a warm safe place
Where as a child I’d hide
And pray for the thunder
And the rain
To quietly pass me by

Der Papst formuliert den gleichen Sachverhalt sehr viel drastischer:

Frohlocke, Mutter Jesu Christi
Die du als Jungfrau den Schöpfer aller Dinge gebarst
Halleluja halleluja halleluja
Frohlocke, denn er entstieg den Toten, kam ins Leben
Zurück und holte sich den Preis der Sieger zurück
Halleluja halleluja halleluja

Weniger Kitsch, mehr Brutalität: Der Papst legt die härtere Gangart vor. Als Goth-Act (wunderschön das doppelseitige Foto im Booklet: Der Papst im weißen Ratze-Fummel) muss er das allerdings auch. Nirvana indes kümmern sich um das Thema einer Unnahbaren gar nicht erst, sondern widmen sich auf “Nevermind” viel lebenspraktischeren Geschichten (“Polly wants a cracker”).

Fazit
“Nevermind”, “Appetite For Destruction” und “Alma Mater” – drei Platten, jede für sich eine Offenbarung. Doch welche Platte knallt am meisten? Welches Album ist für die Ewigkeit? Das Ergebnis des großen Spiritualitätstests!

Platz 1- “Nevermind”
Kurt Cobain – der einzige Musiker im großen Vergleichstest, der aus eigener Erfahrung weiß, worüber selbst der Papst nur spekulieren kann: Was geschieht nach dem Tod? Das verschafft ihm einen Spiritualitätsvorteil, der so leicht nicht einzuholen ist: ein sicherer Platz 1. Und was für Jesus der Weg nach Golgatha war, war für Nirvana “Nevermind”: Danach begann das schmerzhaft lange Verderben. Das Album ist ein Dokument menschlichen Leidens, wie die Popgeschichte es selten gesehen hat. Man muss es öfter hören, ehe sich der vollkommene Reiz erschließt.

Platz 2 - “Alma Mater”
Wahnsinn im Vollausbau: Die wilde Melange aus dem textlichen Genie eines Blixa Bargelds und der Mariengläubigkeit eines Marius Müller-Westernhagens überzeugt sofort. “Alma Mater” ist schon jetzt ein Klassiker des Ethno-Goths. Selbst exhibitionistische Künstler wie Jim Morrison haben sich nicht getraut, den Blick auf ihre Gefühle so unverstellt und durchs Elektronenrastermikroskop zu erlauben. Und so bricht “Alma Mater” kompromisslos mit bürgerlichen Konventionen: Die orientalischen Klänge auf “Advocata Nostra” sind nichts weniger als eine Kampfansage, die ganze Kontinente zum Toben bringen wird. In hoc signo vinces. Va bene.

Platz 3 – “Appetite For Destruction”
Die große Überraschung: Axl Rose ist der beste Lieddichter. Seine Lyrics zeugen von einer Erlebnistiefe und Kunstfertigkeit, an die der Papst mit seinen zusammengeklauten Zeilen aus drei Jahrtausenden nicht herankommt. Auch das unbedingte Statement für eine allumfassende Transzendenz, das Plädoyer fürs Dionysische, gelingt so eindrucksstark weder Cobain noch Ratzinger. Musikalisch allerdings weiß “Alma Mater” stärker zu überzeugen: Die venenzerschießenden Timingschwankungen von Drummer Steven Adler wirken zu gewollt, “Alma Mater” ist der bessere Punkrock. Etwas mehr stilistisches Chaos, erratischere Gesangseinsätze und eine weniger professionelle Darbietung wären “Appetite For Destruction” zuträglich gewesen und hätten für den nötigen DIY-Charme gesorgt.

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