Wer kennt schon Mohammed? – Warum wir keine Angst vor der NSA haben müssen

Inzwischen weiß es jedes Kind: Bei der Debatte um Prism und Co. handelt es sich um eine Kampagne der Zeitungsverleger, die um ihre Pfründe bangen und uns den Spaß am Internet nehmen wollen. Der Hype um Metadaten und Überwachungs-Supercomputer unterschlägt aber etwas ganz Wichtiges: Die sicherheitspolizeilichen Ermittlungen werden immer noch von Menschen gemacht.

Dateninspektor: Schön, dass Sie sich die Zeit haben nehmen können. Wie Sie der Ladung entnehmen können, führen die Auswertungssysteme Sie momentan in der Gefährderklasse D3. Das ist erst einmal eine recht niedrige Kategorie, Sie und Ihre Familie müssen sich noch keine Sorgen machen. Aber Sie werden sicher Verständnis haben, dass wir einige Fragen an Sie richten werden.
Beschuldigter: Ich habe nichts zu verbergen.
Dateninspektor: Davon können wir ausgehen. Denken Sie bitte dran: Die Vernehmung Ihrer Person dient nicht zuletzt Ihrer eigenen Sicherheit.
Beschuldigter: Wie am Flughafen. Da kann ich ja auch nicht einfach einen halben Liter Wasser in der Tasche haben.
Dateninspektor: Richtig, so könnte man sich das vorstellen, genau. Dann schlage ich vor, wir fangen gleich mal an, dann haben wir es schneller hinter uns, nicht wahr.
Beschuldigter: Bitte.

Dateninspektor: Sie sind bei Facebook angemeldet, sehe ich …
Beschuldigter: McDonald’s, Coca-Cola, TargoBank24, Mini Deutschland, “Breaking Bad”, Tagesspiegel – das alles “gefällt mir”.
Dateninspektor: Und Allianz, 1. FC Köln und bordellführer.de auch, gut, gut, das ist Ihr gutes Recht, wir leben schließlich in einem freien Land.
Beschuldigter: Ich kann das erklären. Den 1. FC Köln habe ich geliked, als noch nicht klar war, das Podolski geht. Als ich das auf bild.de gelesen habe, war ich so … ich will mal sagen: geschockt, dass ich schlicht und einfach vergessen habe, “gefällt mir nicht mehr” zu klicken.

Dateninspektor: Da wird Ihnen schon keiner einen Strick draus drehen, sag ich mal. Ihre Facebook-Daten sind unkritisch, da beißt die Maus keinen Faden ab. Haken dran. Was haben wir denn hier … Sie folgen Ihrem Chef auf Twitter.
Beschuldigter: Ja, ich …
Dateninspektor: Donnerwetter, der hat ja viele Follower! Bekommen Sie etwas dafür, dass Sie ihm folgen?
Beschuldigter: Regelmäßige Updates.
Dateninspektor: Und vielleicht auch mal einen kleinen Schein?
Beschuldigter: Wie meinen Sie das?
Dateninspektor: Sonstige geldwerte Vergünstigungen? Extraurlaub? Das iPad, das Sie ja auch privat ausgiebig nutzen? Bevorzugte Behandlung durch das Projektmnagement? Irgendwas in dieser Richtung?
Beschuldigter: Nein.
Dateninspektor: Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, wir müssen hier allem nachgehen. Sschwarzgeld, Steuerhinterziehung, all solche Dinge. So oft, wie Sie den Hoeneß gegoogelt haben, wissen Sie ja, welcher Schaden der Gemeinschaft durch so etwas entsteht. Da müssen gerade wir von der Ermittlung natürlich doppelt wachsam sein.
Beschuldigter: Da haben Sie sicher viel zu tun in Ihrer Abteilung, das kann ich mir vorstellen.

Dateninspektor: Wem sagen Sie das, wem sagen Sie das! Kennen Sie Hassan al-Marwa?
Beschuldigter: Entschuldigung, wie war das? Den Namen höre ich zum ersten Mal.
Dateninspektor: Lügen Sie nicht!
Beschuldigter: [...]
Dateninspektor: Ich kann Sie bis zu 48 Stunden hier festhalten, wenn Sie das unbedingt wollen. Dann sitzen wir übermorgen noch hier. Mir macht das nichts aus! Mensch, seien Sie doch vernünftig! Sie sind ein D3-Gefährder mit einer Terroraktwahrscheinlichkeit von siebeneinhalb auf der Atta-Skala. Wenn ich Sie wäre, würde ich jetzt aber mal ganz schnell kooperieren, aber ganz schnell!
Beschuldigter: Ich kenne diese Person nicht. Ich kann mir das alles nicht erklären …
Dateninspektor: Dann erkläre ich es Ihnen. Bei XING steht, dass Sie mit Samira Tahir-Esteban bekannt sind.
Beschuldigter: Das ist meine ehemalige Praktikantin. Die hat einen Spanier geheiratet und ist nach Frankfurt gegangen, wo sie jetzt bei einer Bank arbeitet.
Dateninspektor: Da erzählen Sie mir nichts Neues! Interessanter ist doch aber, dass die Nichte Ihrer ehemaligen Untergebenen einen Onkel hat, dessen Schwippschwager schon mal in Tora Bora war, wo er sich mit dem Neffen des Großvaters getroffen hat. Und jetzt raten Sie mal, wie der heißt!
Beschuldigter: Das wird dann wohl dieser Hassan …
Dateninspektor: … al-Marwa sein, genau. Und der ist bei der Al-Kaida. Der bringt im Hauptquartier immer das Altpapier raus, kein kleines Licht also. Und mit dem sind Sie bei XING über fünf Ecken verbandelt. Freundchen, da wäre ich an Ihrer Stelle mal ein bisschen keinlaut.
Beschuldigter: Das wusste ich nicht.
Dateninspektor: Passen Sie einfach in Zukunft ein bisschen besser auf. Wenn einer dieser Moslems herausbekommt, dass Sie mit mir heute hier über al-Marwa gesprochen haben, sind Sie doch ein toter Mann! Der Staat kann Sie dann auch nicht mehr beschützen, das dürfte Ihnen doch klar sein!
Beschuldigter: Ich lösche den Kontakt sofort.
Dateninspektor: Wennse meinen das nützt Ihnen noch was! Diese Fanatiker haben ihre Augen und Ohren doch überall! Die lesen alles mit!
So. Mal weiter im Text. Was haben wir denn hier: Suchhistorie, Funkzellenabfrage, 100 Euro am Leipziger Hauptbahnhof abgehoben, Amazon-Wunschliste, ein altes Profil bei Stayfriends und Myspace, mobile Payment beim Escort-Service in drei Fällen – Sie zahlen immer noch viel mit Bargeld was?
Beschuldigter: Ist so eine Angewohnheit.Ich rechne auch noch in D-Mark um!
Dateninspektor: Ha, das macht meine Frau auch immer. Die meint, Sie könne Preise dann besser eeinschätzen. Wenn irgendwas fünf Euro kostet, dann sagt sie immer: Mensch Frank, das sind neun Mark achtzig! Na ja, das war damals viel Geld, da hat se auch wieder Recht, da hat se auch wieder Recht.
Beschuldigter: Da gab es früher im Restaurant ein Wiener Schnitzel für.
Dateninspektor: Ja, es war nicht alles schlecht früher, was? Nun, kommen wir mal zum Schluss: Ich kann beim besten Willen nichts Belastendes feststellen. Sie sind ein unbescholtener Bürger, dem die Sicherheit, der Datenschutz und die Energiewende am Herzen liegt. Ich setz jetzt die Gefährderstufe um drei Punkte herab und …
Beschuldigter: Kriege ich meine Passwörter zurück?
Dateninspektor: Eine kleine Weile wird’s dauern, gerade in der Vorweihnachtszeit. Warum kann ich denn nicht … wieso macht der nicht … Hören Sie: Das System nimmt zurzeit keine Statusänderung an. Da ist vielleicht was mit Ihren Metadaten nicht so ganz in Ordnung, ich kann das gerade nicht checken in diesem Prism. Vorschlag: Sie behalten Ihre D3-Klassifizierung, wir beobachten das weiter und sprechen in drei Monaten noch mal. Bis dahin gebe ich Ihnen zum Dank für Ihr bürgerliches Engagement diesen Gutschein für iTunes, da können Sie sich kostenlos ein paar neue Apps herunterladen. Wollen wir das so machen?
Beschuldigter: Ach, das ging ja schnell alles! Vielen Dank!
Dateninspektor: Auf Wiedersehen!
Beschuldigter: Ich wünsche Ihnen eine schöne Adventszeit!

 

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