Sonntag in Berlin

Viele neue Leute zogen nun in die Stadt. Sie kamen aus von überall her, aus Bielefeld-Brackwege, dem Ruhrgebiet und sogar aus Schwaben. Nichts trieb sie: woher sie kamen, litten sie keine Not; sie kamen nicht, weil es ansonsten keine Möglichkeit mehr gegeben hätte; sie kamen nicht, weil sie von ihren Eltern verkauft worden wären an Bewegtbildunternehmer aus der großen Stadt.

Sie kamen, weil sie die Vergnügungen des Nachtlebens bereits am eigenen Leib erfahren hatten. Sie kamen, weil sie wussten, dass Mozzarella di buffalo erhältlich war. Sie kamen, weil die großen Regisseure die Stadt liebten. Sie kamen, weil die Magazine hier waren. Sie kamen, weil das Stadtmagazin nicht müde wurde, über die Vorzüge der Stadt zu berichten.

Sie kamen, weil es billig war. So stand es geschrieben.

Galopprennbahn Hoppegarten

Kommt wieder gut: Hut

Und es stimmte ja: Alle waren hier. Die großen Unterhaltungskonzerne, die Medienunternehmen und  Kanzleien und Paul, mit dem man in der Grundschule zusammen Geometrie hatte. Die Versprechungen waren nicht gering: Es gab keine Sperrstunde, es herrschte eine zwanglose, kreative Atmosphäre, Erfolgsstorys wurden hier geschrieben und in die gesamte Repubkik getragen.

Viele Leute kamen wegen der Literaturagentur. Sie vermittelte ausschließlich Erlebnisberichte Zugezogener an große Verlage. Die Verkaufszahlen waren ordentlich, man konnte mit einem fürstlichen Vorschuss rechnen, wenn die Agentur einen unter Vertrag nahm. Viele Bücher, die die Agentur bereits vermittelt hatte – gegen einen nicht unbeträchtlichen  Anteil vom Vorschuss –  handelten von dem Umstand, dass die Agentur einen unter Vertrag genommen hatte. Die Presse liebte diese Bücher, die Feuilletons waren mit Zugezogenen besetzt. Auch sie hofften noch auf einen Vertrag mit der Literaturagentur.

Und das konnte ja wirklich jeder schreiben: Wie ich zum ersten Mal bei Mutti auszog. Warum man neuerdings neue Musik hört. Woher man die besten Maultaschen bezieht.

Jeder, der in die Stadt gezogen war, machte die gleichen Erfahrungen: Die Menschen waren unfreundlich, die Wetterverhältnisse beklagenswert, Freunde schwer zu finden. Für Wohnungen galt das gleiche, höfliche Leute: Ding der Unmöglichkeit. Es war nicht einfach, einen gscheiten Käs aufzutreiben oder eine altsprachliche HipHop-Crew in full effect zu erleben (von einem agreablen Maultaschenrestaurant ganz zu schweigen).

Kurzum: Es war die Stunde der Glücksritter, der Gralssuchenden, der Goldgräber. Unermüdlich hackten sie Drehbücher und Romanexposés in ihre mobilen Endgeräte, pflegten ihre Daten in de Social Networks ein und bestellten noch eine Runde Ingwerkaffee. Die Hotspots waren voll bis weit nach Mitternacht.

Nur sonntags kehrte Ruhe ein, und alle fuhren raus zur Pferderennbahn.

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