Technologie verstehen. Heute: creative revolution

Es war mir fast entfallen, was für ein hochverkommenes Medium dieses Internet ist.

Nun gibt es da das Redaktionsblog von Wired Deutschland. Immerhin ist die Wired ja “The Rolling Stone of Technology”. Man beruft sich damit auf ein Magazin, den Stone, der in Ermangelung redaktioneller Inhalte heute i. W. ein Layout-Klassiker der historischen Jugendkultur ist (wenngleich nicht der beste dieser Klassiker, online natürlich erst recht nicht). Und die deutsche Version der amerikansichen “Wired” beruft sich auf das amerikanische “Wired”, die sich auf den amerikanischen Rolling Stone beruft, der dort immer noch ein gewisser gesellschaftlicher Brückenkopf und also relevant ist.

rollingstone.de

Das verpflichtet in mannigfaltiger Hinsicht. Doch dann verlinkt Thomas Knüwer als allererstes zu einem Beitrag mit dem bezeichnenden Titel “Das Wired-Logo und wie es dazu kam”.  Im Begleittext zum Link gibt er zu, sich noch nie irgendwelche Gedanken um das Logo gemacht hat. “Eines aber  haben wir uns zugegebenermaßen nicht gefragt: Wie ist eigentlich das Logo von WIRED entstanden?”, fragt er sich schließlich dann doch und sich dann selbst und die amerikanische “Wired”, die man bei Googole findet; wenn auch viel zu spät. Tja.

Bei dem Gesamterscheinungsbild des Redaktionsblogs hat man sich dann aber schon etwas gedacht. “Wir sind die ‘Wired’”, wird man sich gedacht haben, “also, die deutsche ‘Wired’”. “Deutschland”, wird man gebrainstormt haben, “Deutschland … Deutschland … Deutschland … ah, ich hab’s: Wir lassen rechts, äh, links am Logo – Verzeihung! – einfach Schwarz-Rot-Gold entlanglaufen.” “Herrlich”, hat da der Creative Director gesagt, “herrlich. Und aus den Streifen der deutschen Flagge machen wir Quadrate. Das wirkt frisch, so ein bisschen ‘Ritter-Sport”-mäßig und auch voll Bauhaus. Wir sind die Wired Deutschland! Da will ich Design sehen, Leute, Design, richtiges Web Design :: web_DeSig.n made in germany eben.”

Wired-Logo, deutsch

So sieht web_Design aus: das doitsche Wired-Logo

Und web_DeSig.n hat er dann auch bekommen. Offenbar hat tatsächlich niemand gemerkt (oder auch nur gewusst), dass man beim Typologo ein bisschen rumgemacht hat mit dem Ausmitteln einer Schrift. Jeder Buchstabe ist nicht nur in einem Quadranten ausgerichtet, sondern zudem in sich selbst der quadratischen Form verpflichtet. Man muss das im Detail nicht wissen. Merken wir uns einfach: Quadrat. Ganz wichtiges Element, wenn man es mit dem Wired-Logo zu tun bekommt. Und: Quadrat – eine strenge Form. Eine ganz, ganz strenge Form. Nahe am Absoluten.

Aber weil das alles so kompliziert ist, was man über das Logo wissen muss, wenn man gestalterischen Umgang damit hat, weil man einen Redaktionsblog graphisch skinnen musss, und weil man sich natürlich noch nie gefragt hatte, wie das Logo entstanden ist und was es damit auf sich hat (quadratische Form!), hat man dann einfach mal angefangen. Und prompt vergessen, das Logo auszumessen. Man muss aber wissen, wie es sich mit der Versalhöhe oder auch nur der Darstellungsgröße verhält, wenn man links daneben ein paar Quadrate laufen lassen will. In schwarz-rot-gelb natürlich, Sonderfarben gibt es im Netz ja nicht.

Die Flagge, quadratisch

Deutschlandfahne made in Germany

Und so musste man eins der Quadrate, das rote, leider abschneiden. Die Farbqadrate waren irgendwie länger geraten als die “W”-Versalie, alles kam nicht mehr hin, was soll ich machen, sagt der Grafiker, ist halt so. Man weiß nicht, was da passiert ist: ein CS4-Desaster? Lassen sich Grafiken im CMS nicht vernünftig einbinden? Was war da los?

Das Internet ist ein hässliches Medium. Im Grunde liegt das an seiner technischen Beschränktheit, nicht mit Schrift umgehen zu können. Oft ist aber auch die Gedankenlosigkeit der Menschen schuld.

Jedes Medium hat irgendwann eine creative revolution erlebt. Das war bei der Höhlenmalerei nicht anders als bei Regionalzeitungen und in der Werbung; bei Papier, tee-vee und Lichtspielfilm. Irgendwann fangen Menschen an, ein neues Medium kreativ zu nutzen und es zu einer erstaunlichen Blüte zu führen. Das Internet ist das erste Medium in der Geschichte der Menschheit, bei dem das nicht zu erwarten steht.

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2 comments on “Technologie verstehen. Heute: creative revolution

  1. Herrlich. Wie hässlich das hier alles ist, sieht man natürlich auch an der Texplazierung Deiner Bildunterschrift “Deutschlandfahne made in Germany”.

    Aber das ist schon sehr fatalistisch. Ist haben wir nicht auch im Netz die Entwicklung – wenn auch eine langsame – dass Dinge schöner werden? (Bitte.)

  2. Pingback: TIRED: WIRED | Spiralteppich

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