Freiheit oder Tod: “Shades of Grey” mit Zusatz-Content

Die bleierne Zeit ist zu Ende. Die protzigen Bücherregale der Bourgeoisie sind zertrümmert. Endlich konnte der Text vom lästigen Papierkram befreit werden. Der Literaturkritiker Malte Herwig hat seine Bücher guillotiniert und eingescannt. Nun sitzt er mit seinem eBook-Reader in der Badewanne und liest eine Bismarck-Biographie. Das Lesegerät hat er zum Schutz gegen den Fichtennadelschaum in einen Umschlag aus Melitta-Toppitz gesteckt. So schön ist die neue Zeit, so frei – und auch so preisgünstig: Für seine Buchguillotine hat Herwig lediglich 200 Euro bezahlt.

Nur noch ein kurzer Wimpernschlag der digitalen Revolution, und alles ist vorbei: Die seit den dunklen Gutenbergzeiten andauernde Gefangenschaft des Textes zwischen zwei schweren Buchdeckeln ist beendet. Kein Literat muss sich fürderhin in einer kärglich eingerichtete Schreibstube einschließen, um langwierig irgendwelche Romane abzufassen und über diese einsame Beschäftigung zum Alkoholiker zu werden. Jörg Fauser könnte noch leben, wenn er nicht an die Schreibmaschine gefesselt gewesen wäre, sondern die Kapitelnentwürfe zu “Rohstoff” auf Facebook geteilt hätte und in einen lebhaften Dialog mit Freunden und Followern eingetreten wäre.

Druck ist nie gut, das weiß jeder Reformpädagoge. Und so hat auch der Buchdruck unermessliches Leid über Autoren, Romanciers und Leserinnen und Leser gebracht. Das Anbrechen der Neuen Zeit hat diese schauerliche Schreckensherrschaft des Bleisatzes und das menschenverachtende Treiben des Rollenoffsets pünktlich zur diesjährigen Contentmesse in Frankfurt beendet. “Die Literatur boomt“, jubilierte “Der Freitag” am Donnerstag.

Nur muss man sich Literatur nicht mehr vorstellen als eine schier endlose Abfolge der ewig gleichen 26 Buchstaben. Vielmehr verwandelt sich der pure Text in “enriched content”. Literaten hämmern nicht mehr monoton auf die Tastatur ein. Ihnen steht ein völlig neues Arsenal an kreativen Möglichkeiten zur Verfügung: Sie können twittern, Leserdialoge führen, Videos filmen, schneiden und ins Netz stellen, Autogrammstunden auf Skype abhalten, sich ihren Text selbst laut vorlesen und ins Netz streamen, auf Profilfotos aus poppen.de verlinken, um ihre literarische Vorlage plastischer werden zu lassen. Und vieles mehr.

Wie trist die Welt zuvor war, zeigt ein Blick in eines dieser angeblich guten, aber doch nur alten Bücher. Greifen wir doch einmal zu “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell. Erzählt wird das Dritte Reich aus der Pespektive eines Täters. Blättern wir vor zur ersten Vergewaltigungsszene: Der Erzähler schildert eindringlich, wie er von Männern in den Arsch gefickt wird, ohne sein Einverständnis gegeben zu haben. Leider sieht die Seite genau so aus wie die Seiten davor oder danach. Unterschiede bemerkt nur der, der genau hinschaut und Wort für Wort entziffert. Das ist schade, denn das Thema ist wirklich gut, und der Autor kennt sich echt aus mit dem Dritten Reich und so.

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Eine Ausgabe von “Die Wohlgesinnten” auf dem iPad könnte die Dramatik des Textes wesentlich erhöhen, wenn es die schönsten Szenen als Video eingebunden veranschaulichen würde. Die wenigsten Menschen schließlich können sich noch an die Hitlerzeit erinnern oder sind in der Barebacking-Szene aktiv. Ein um Bewegtbild erweiterter Text erschlösse neue Leserkreise und böte neue Erlösmodelle. Der Text bekäme eine ganz andere Dringlichkeit, wenn man sich zusätzlich gegen eine kleine Flattr-Gebühr ein paar Nazihomopornos anschauen könnte, die der französische Autor selbst gedreht hat.

Für die Literaten ist der Tod des Buchs ein Segen. Wie wichtig die Erweiterung von Text mit Bewegtbild ist, hat die Verfilmung von Uwe Tellkamps “Der Turm” ja gerade erst bewiesen. Man wagt kaum sich vorzustellen, was für ein Welterfolg Charlotte Roche mit “Feuchtgebiete” zuteil geworden wäre, wenn das Werk nicht als ärmlich ausgestattetes Papp-Hardcover erschienen wäre. Spielend hätte die Autorin den amerikanischen Markt erobern können, wenn der Text in einer eBook-Version mit Bewegtbildformaten wie “Die Autorin ganz privat” oder “Beauty-Tipps für ganz unten” ausgestattet gewesen wäre!

Content is King

Shades of Grey: Welterfolg mit Zusatzcontent

Die Fußnoten von David Foster Wallace als Hyptertext-Links, die Bibel fürs Kindle mit automatischer Rückübersetzungsfunktion ins Lateinische, “Shades of Grey” als “enriched content”-Version mit einem interaktiven Dungeon-Game: Wir beginnen erst zu ahnen, welche Blütezeit der Literatur nun beginnt. In “1984″ gibt es am Schluss eine Szene, in der jemand von den Schergen des Großen Bruders einen Rattenkäfig vor das Gesicht geschnallt bekommt. In der heutigen Medienrealität ist die bloße Beschreibung einer Ratte, die einem das Gesicht zubeißt, wenig eindrucksstark. Gerade Jugendliche haben mit ihren Smartphones härteres Material auf dem Pausenhof aufgenommen. Die Dystopie von Orwell? Das interessiert sie nicht mehr. Schade. Doch das Internet kann Abhilfe schaffen. Eine elektronische Ausgabe könnte die Folterszene emotional anreichern. Wie? Mittels Augmented Reality nimmt der Leser sein Gesicht per Webcam auf, betritt die von Orwell beschriebene Örtlichkeit und kann auf dem Screen seines Lesegerätes zuschauen, wie das eigene Gesicht zerbissen wird. So geht Literatur heute.

Lesen Sie bitte folgenden realted content: “Ertränkt sie im Ententeich” – Vorschläge zu einer Literatur der Neuen Zeit

 

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2 comments on “Freiheit oder Tod: “Shades of Grey” mit Zusatz-Content

  1. Danke. Ich predige seit längerer Zeit mit ähnlichem Zynismus über die “glorreiche Zukunft des Buches” mit vielen bunten Bildchen, sinnlosen Spielereien und interaktivem Social Media-Content für die Generation Aufmerksamkeitsdefizit. Wobei ich eine Einschränkung vornehmen wurde: Das Papier an sich empfinde ich inzwischen auch als nicht mehr zwingend notwendig, auch wenn der Unterschied zwischen echtem Buch und Reader derselbe bleibt wie bei Vinyl und mp3. Text ist Text ist Text.

  2. In der neuen Ära des digitalen Zeitalters sieht jeder schnell mal einen Film wie “50 Shades of Grey” wo man die Lust auf andere Liebearten mitbekommt. Jedoch suche ich persönlich aber lieber eine Frau auf https://escort.haus als mir den Film “Die Wohlgesinnten” anzuschauen.

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