ZZ Top – Die “Futura” der elektronischen Tanzmusik wie Rick Rubin sie sieht

Was Rick Rubin wohl der Weltöffentlichkeit mit dem neuen ZZ-Top-Album sagen möchte? Man wird es vermutlich nie erfahren. “La Futura” wäre sicher eine der verstörendsten Produktionen der gesamten Rockgeschichte, wäre solcherlei nicht so ungemein alltäglich geworden.

Es muss wohl zu Beginn der 80er Jahre gewesen sein, als die Technologieführerschaft von Tangerine Dream und Kraftwerk auf die Rockmusik überging. Die Verfügbarkeit von Software und Rechenleistung, wie sie inzwischen besteht, hat aber den technologischen Stand der verfeindeten Genres  nicht aneinander angenähert. Im Gegenteil ist der Abstand nunmehr so groß geworden, dass jeder Laptop-Schrauber und jeder Elektronik-Frickler wie ein schwitzender Handwerker gegenüber den Großproduktionen der Rockmusik wirkt.

Albumcover "La Futura" / ZZ TOP

Krasses Laptop-Gefrickel: Rock ist der neue Electro

Das plötzlich und unerwartet erschienene Album von ZZ Top ist ein beredtes Beispiel. Versuchten Billy Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard auf Platten wie “Eliminator” noch, den Blues für die Hörgewohnheiten von Marsmännchen aufzubereiten, ist das Ziel diesmal entgegengesetzt: Pro-Tools-Exzesse und Nuendo-Orgien verwandeln Milliarden Mausklicks in Sound-Collagen, die als besonders authentisch wahrgenommen werden. Sicher: Die Montage der Backing Vocals auf “Flying High” kann ihren klanglichen Ursprung  – den Algorithmus von Antares Autotunes – nicht verhehlen. Insgesamt ist die Computersimulation von Rockmusik aber durchaus auf beeindruckende Weise gelungen.

Insbesondere der Opener “I Gotsa Get Paid” zeigt, wie es möglich ist, mit handelsüblichen Heimcomputern ein Tom-Sound zu errechnen, für den man früher Toms mit Wolldecken umwickeln musste und sich bei der tiefen Stimmung doch etwas Mühe geben musste. Heute reicht vermutlich ein Preset, das Rick Rubin oder Jack White als Mehrplatzlösung besitzen und dass sie zu Beginn jeder Produktion von ihrem Hiwi installieren lassen.

“La Futura” reicht natürlich nicht an “A Bigger Bang” von den Stones heran, das bis heute die unangefochtene Benchmark der elektronischen Tanzmusik ist. Mit einem Rechnerpark, auf dem sich vermutlich auch das gesamte SAP des Volkswagen-Konzerns fahren ließe oder mit dem man spielend Hedgefonds aus dem Hochfrequenzhandel katapultieren könnte, wurde von hochausgebildetem Pro-Tools-Volk ein sonischer Cyborg errechnet, der vor allem für ihren “natürlichen Sound” gelobt wurde. In der Tat klingt das Album ja, als hätte Andrew Loog Oldham im Keller von Redlands zwischen vollgespritzten Aschenbechern irgendwelche Regler gezogen – nur eben lauter, wilder: authentischer geradezu.

Im Unterschied zu den Rolling Stones sind die Tracks hier allerdings nicht erst im Rechner entstanden. Darauf weisen noch einige Gitarrenspuren hin, auf denen die Licks offenbar tatsächlich durchgespielt und nicht aus Einzelwellenformen zusammengeschoben wurden. Die Beats indes wurden hart geedited und gecutted. Lustig, wie HipHop hier zu Rockmusik wird – trotz unendlicher Mutes und Cues. Das Mastering wurde von Vlado Meller / Masterdisk vorgenommen: hot, aber auch nicht zu hot; Meller ist schließlich nicht Marcussen.

ZZ Top spielen also den zweithärtesten Techno nach den Rolling Stones, während die Suche nach “warmen Analogsounds” im Berghain andauert – auch eine Art von Inversion, wie sie Frank Schirrmacher in seiner Düsseldorfer Dankrede beschrieb. Ob wohl irgendwann ein paar Jugendliche mit heruntergeladenen Pauken und Trompeten dem Spuk ein Ende zu bereiten wissen?

 

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