Science Fiction

Hätte Douglas Adams geahnt, dass Ford Prefect nur ein interstellares WordPress braucht, um eine Online-Enzyklopädie regelmäßig mit Updates zu beschicken – er hätte “Per Anhalter durch die Galaxis” nie geschrieben. Der aktuelle Glaube an den durchs Internet hereingebrochenen Fortschritt verhindert die Formulierung interessanter Utopien. Denn wenn die Zukunft schon begonnen hat, braucht man sie sich ja nicht mehr vorzustellen.

Der Weltraum – unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Mit diesen Worten beginnt Raumschiff Enterprise. Und so oder so ähnlich hat bisher jede Science-Fiction-Erzählung angefangen. Ob Blockbuster wie die Geschichten von Captain Kirk oder literarische Ausformungen des Genres wie etwa von R.A. Lafferty: Grundlegend für die Gattung des Science Fiction war die Ansiedelung ihres Erzählgegenstands in einer möglichst weit entfernten Zukunft. Die 400 Mann starke Besatzung erlebt ihre Abenteuer im Jahr 2200, in Laffertys “Past Master” – veröffentlicht im Jahr 1968 – schrieb man gar das Jahr 2535. Im gesamten bisherigen Science-Fiction-Oeuvre geht nichts unterhalb des Jahres 2000. Und das ist nun auch schon wieder eine ganze Weile her.

Vielleicht ist es nur das Ende eines kreativen Genres, das nach dem Hereinbruch des Jahrtausendwechsels notwendigerweise implodieren musste, vielleicht sind es die Vorboten des Zusammenbruch des Buchmarkts und des Tods von Hollywood infolge des Filesharings: Jedenfalls wird Science Fiction nicht mehr erzählt von Literatur und Motion Picture, sondern von Beratern und Vortragsreisenden.

So war das früher: Unterwegs ohne iPhone

Deren Geschichten sind gleich. Auch die handeln von Zeitmaschinen, dem allwissenden Computer und drahtlosen Telefonen. Sie nennen es nur anders: Timeline, Google, mobile Endgeräte. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied: Die Zukunft wird nicht mehr als etwas weit in der Zukunft Liegendes beschrieben, sondern als etwas, das bereits begonnen hat. Schon morgen wird die Menschheit die Zukunft in all ihrer Macht und Herrlichkeit begreifen. Heute jedoch nicht: Dazu leben noch zu viele unter uns, die aus der Vergangenheit kommen, mithin also dorther, wo sie die Zukunft erfunden haben. Denn auch davon handelt Science Fiction: der Dummheit der Menschen.

Eine kleine Kostprobe des zeitgenössischen Science-Fiction-Erzählungen gönnte man sich unlängst bei der Friedrich-Naumann-Stiftung. Zunächst trat Michael Seemann auf. Er hatte sich für die durchaus angesagte Darbietungsform des Folienvortrags entschieden, blieb in seinem Stoff aber klassisch: Die Computer wissen viel (“Kontrollverlust”), erst in der Zukunft – einer unmittelbar bevorstehenden Zukunft wohlgemerkt – werden erst die Computer und dann wir wissen, wie viel die Computer eigentlich jetzt schon wissen. Die Computer müssen nur noch eine kleine Nanosekunde nachdenken (“Verknüpfung von Daten”).

Ab etwa Minute 22 dieses Youtube-Videos ist dann der Auftritt von Christian Heller zu erleben. Seine Darbietung orientierte sich an der klassischen Form des improvisierten Ad-hoc-Vortrags, dessen Inhalt dafür etwas phantastischer ausfiel. Hellers Erzählung trägt den Titel “Post Privacy” und geht in etwa so: Eine neuartige Computertechnologie sorgt schon heute dafür, dass nichts geheim bleibt. Ein großes Problem für die Weltregierung: Wie soll man nun noch still und heimlich Systemgegner foltern? Gleich morgen kommt es, wie es kommen muss: Alle bisherigen Systeme brechen zusammen. Der Mensch ist frei – endlich. Diktaturen? Abgeschafft. Vergewaltigung im dunklen Wald? Unmöglich – die Weltbevölkerung ist per W-Lan zugeschaltet. Und so geht die alte Prophezeiung in Erfüllung: Der Löwe liegt friedlich bei den Lämmern. Natürlich müssen sich die Menschen erst noch an die neue Zeit gewöhnen: Ein unglaubliches Abenteuer voller Transparenz beginnt!

Erstaunlich ist die Machart dieser Geschichten. Heute ist niemand mehr fünf Jahre unterwegs, um neue Welten zu entdecken. Kein Schwein macht sich mehr die Mühe, auch nur nach Alpha Centauri aufzubrechen. Selbst eine schnöde Reise zum Mittelpunkt der Erde ist unvorstellbar geworden.

Stattdessen erfolgt ein Rückgriff auf alte Stoffe, die zeitlich in die Spätantike fallen. Die Post-Privacy-Utopie ist dafür das beste Beispiel: Der Plot ist nichts weiter als eine Weitererzählung der Geschichte von Adam und Eva. Auf Anraten der Schlange aßen diese vom Baum der Erkenntnis. Zur Strafe wurden sie aus dem Paradies expediert. Nur durch erneutes Essen vom Baum der Erkenntnis (Menüfolge: Internet, Wissensgesellschaft, Transparenz, Post Privacy) kann die Schuld ausgelöscht werden. Ladies and Gentlemen: Es folgt der Wiedereinzug ins Paradies! Morgen schon.

Computerlogbuch der Enterprise Nummer 1, Sternzeit 3025,3, Nachtrag: Wir sitzen in der Falle. Mein Freund McCoy, der Schiffsarzt, ist tot. Wir fürchten, dass diese Traumbilder, die uns begegnen, sich zu Alpträumen entwickeln.

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One comment on “Science Fiction

  1. Ich hab mir die Talks angehört.

    Endlose Weidegründe für nimmersatte und hypertrophe Intellektuellengehirne.

    Gibt es eigentlich ein Grundrecht, ‘offline’ in Würde zu leben und zu sterben?
    Wenn nicht, halte die Verbriefung eines Solchen für umgehend geboten, um Härtefälle zu vermeiden.

    Vielleicht könnte man hier mit einer Fristenlösung arbeiten. Einen stufenweisen Ausstieg aus allen gesellschaftlichen Verpflichtungen zur Bereitstellung von ‘real life resources & provisions’, bis die letzten praktizierenden ‘Physisch-Realen’ freiwillig ihre Körper verlassen haben.

    Die Vitalfunktionen der neuen Generationen sind ausnahmslos und dauerhaft durch das intravenöse Global-Nutrition-System aufrecht zu erhalten, damit sich künftig alle Bürger frei von physischen Necessitäten und ohne ‘down time’ der freien Wissens- und Informationsgesellschaft im Cyberspace widmen können.

    Lasst uns versuchen, zumindest einen halbwegs geschmeidigen Übergang hinzukriegen!

    Als letztes ‘Dankeschön’ an die Vergangenheit gewissermaßen.

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