“Ertränkt sie im Ententeich” – Vorschläge zur Literatur der Neuen Zeit

Auch wenn die Urheber es nicht einsehen: Das Netz verlangt nach einer neuen Sprache. Und die ist gar nicht so schwer: Ernst Jünger und Houellebecq sprechen sie schon. Versuch einer Handreichung

Das Internet verändert alles. Auch vor uns Menschen macht dieser Wandel keineswegs halt. Das gilt insbesondere für diejenigen, die da sagen: “Wir sind dieUrheber“. Im Perlentaucher-Redaktionsblog “Im Ententeich” hat Thierry Chervel “Die schöne Seite der Kostenlosmentalität” glänzend poliert. Darin diagnostiziert er einen “tief sitzenden Widerwillen” der Autoren und Autorinnen, sich mit dem Netz auseinanderzusetzen:

Das Problem dieser Autoren mit dem Netz ist weniger, dass es ihre Einnahmen als dass es ihr Selbstbild als Autor in Frage stellt. Als Autor auf dem bewährten Modell bestehen, heißt tatsächlich, sich nicht mit neuen Formen des Schreibens zu beschäftigen.

Natürlich reicht es nicht aus, wenn Martin Walser anfängt zu twittern, Daniel Kehlmann einen Blog eröffnet oder Günter Wallraff anstehende Recherchen vorab auf Facebook veröffentlicht. Eine Neue Zeit verlangt nach einer Neuen Sprache. Die Regeln, nach denen diese zu entwickeln ist, stehen im Netz. Sie sind für alle frei verfügbar und auch gar nicht so schwer.

Schreibt fürs Publikum!

Nehmen wir einfach mal “Das Lied von der Glocke” von Friedrich Schiller und überprüfen, ob der Text noch zeitgemäß ist oder ob wir ihn mit ein,  zwei Handgriffen optimiert bekommen. Schiller schreibt:

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt
Heute muss die Glocke werden
Frisch Gesellen, seid zur Hand

Nun, hier werden gleich zu Anfang ein paar elementare Fehler gemacht. So ist der Text ausschließlich verständlich für Studienräte und Internatsschüler. Der Schwarm jedoch guckt in die Röhre. Vor allem aber kann ein Text, der so beginnt, nicht erfolgreich sein, weil auch Google ihn nicht versteht. Denn dass aus der Form eine Glocke werden soll, erkennt der geneigte Algorithmus erst in der dritten Zeile – viel zu spät. Wer sich nur ein bisschen mit SEO auskennt, sieht sofort: Die Keyworddichte ist viel zu niedrig. Probieren wir also einfach mal, das Wort “Glocke” und ein paar Synonyme im Text unterzubringen:

Fest wie eine Glocke gemauert in der Erden
Steht die Glockenform aus Lehm gebrannt
Heute muss die Bimmel werden
Horch, die Glocke tönt, Gesellen, seid zur Hand

Das liest sich doch schon ganz anders. Auch wurden nun einige Links gesetzt. Das ist ebenfalls gut für das Google-Ranking und erschließt dem Autoren neue Vergütungsmöglichkeiten.

Der Urheber Friedrich Schiller scheint allerdings zu glauben, er sei der Debatte durch Dahinscheiden vor der Neuen Zeit entkommen. Nun, das ist selbstverständlich sein gutes Recht. Dann muss er aber auch damit leben, dass sich seine Werke als eBook eben schlecht verkaufen, weil es bessere Autorinnen und Autoren als ihn gibt. Zum Beispiel Ildikó von Kürthy:

Der Fuß ist eine weitgehend unerschlossene weibliche Problemzone. Ein Satz, wie in Stein gemeißelt.
Der Fuß ist eine weitgehend unerschlossene Problemzone. So könnte ein Artikel in einer Frauenzeitschrift anfangen. Oder in >Psychologie heute<. Oder so.

In Wirklichkeit fängt so der Bestseller “Mondscheintarif” an. Aus SEO-Perspektive ist das natürlich top. Auch sonst stimmt alles: Der Link in den Bestellshop von der Zeitschrift “Psychologie heute” bietet den Leserinnen und Lesern gehörigen Mehrwert – und der Autorin Unabhängigkeit von den Zahlungen der Verwerter.

 Literatur ist keine Einbahnstraße!

Ohne mobiles Lesegerät nur der halbe Spaß: Neue deutsche Literatur

Das Internet ermöglicht etwas, das es in dieser Form in der Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben hat: Partizipation. Menschen vernetzen sich und teilen ihr Wissen miteinander. Für die Literatur ist dies eine große Chance. Neue mobile Endgeräte machen Literatur nicht nur überall und für jeden verfügbar. Auch kann der Autor in einen engen Dialog mit seinem Publikum treten.

Schauen wir uns in diesem Zusammenhang doch einmal “In Stahlgewittern” von Ernst Jünger an. “In den Kreidegräben der Champagne” heißt das erste Kapitel. Der zweite Absatz beginnt so:

Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zu einem großen, begeisterten Körper zusammengeschmolzen. Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr.

Ohne Zweifel ist dies große Literatur. Gerade heute können sicher viele junge Menschen diese Sehnsucht sehr gut nachfühlen. Bei künftigen Editionen des Textes empfehlen sich entsprechende Hashtags, damit der Text auf Twitter in die richtigen Timelines gespült wird und Nutzerkommentare zusammen mit dem Text veröffentlicht werden können:

 Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische [Wulle schreibt: Und ich sogar Schloss Bellevue!]verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zu einem großen, begeisterten Körper zusammengeschmolzen #bpt12 #neubings. Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen [Büro für Lichtgeschwindigkeit gefällt das], nach der großen Gefahr [Affe Lia schreibt: Bravo, Ernst Jünger. Hoffentlich versinken deine Ideen nicht in Schmutz und Dreck!]

Produziert relevanten Content!

Im Internet gilt die goldene Regel: Content ist King. Diese Regel ist gar nicht so neu. Sie galt bereits zu Zeiten, als der Buchdruck noch erfunden war. Das beweist diese Schlüsselstelle aus “Animal Farm” von George Orwell:

There was [...] a single Commandment. It ran:
ALL ANIMALS ARE EQUAL
BUT SOME ANIMALS ARE MORE EQUAL THAN OTHERS.
After that it did not seem strange when next day the pigs who were supervising the work of the farm all carried whips in their trotters. It did not seem strange to learn that the pigs had bought themselves a wireless set, were arranging to install a telephone, and had taken out subscriptions to John Bull, Tit-Bits, and the Daily Mirror.

Das ist zweifelsohne spitzenmäßiger Content, der aber ein wenig an der Lebensrealität vorbeigeht. Ein paar winzige Eingriffe reichen aber aus, den Text auf den Stand dessen zu bringen, was im Netz relevant ist:

There was [...] a single Commandment. It ran:
ALL ANIMALS ARE EQUAL
BUT SOME ANIMALS ARE MORE EQUAL THAN OTHERS.
After that it did not seem strange when next day the pigs who were supervising the work of the farm all carried whips in their trotters. It did not seems strange to learn that the pigs had bought themselves a WLAN set, were arranging to install iTunes via Android, and had taken out subscriptions to thefacebook.com, RSS feeds, and Handelsblatt.

 Schneidet alte Zöpfe ab!

Zugegeben: Nicht immer lassen sich bestehende Texte in die Neue Zeit hinüberretten. Manches, was früher geschrieben wurde und für großes Hallo im Elfenbeinturm gesorgt hat, ist inzwischen einfach nicht mehr haltbar. Das betrifft – wen wundert’s – den “Ruhm” von Daniel Kehlmann:

Noch bevor Ebling zu Hause war, läutete sein Mobiltelefon. Jahrelang hatte er sich geweigert, eines zu kaufen, denn er war Techniker und vertraute der Sache nicht. Wieso fand niemand etwas dabei, sich eine Quelle aggressiver Strahlung an den Kopf zu halten?

Mit Verlaub, Herr Kehlmann: Das liest sich ja als hätten Sie versucht, der 52. unter den Tatort-Autor zu werden, in deren Drehbüchern die Ermittlungsmöglichkeiten, die Google bietet, immer noch nicht genutzt werden und alle Leute so komisch antiquierte Handys haben. Der Perlentaucher sagt es doch aber ganz klar: “Die Autoren haben keine Ahnung vom Netz. Zeit, dass sie sich damit befassen.”

Wenn sie dies nicht tun, werden ihre Bücher verschlungen – nicht mehr von begeisterten Lesern, sondern vom nagenden Schneidezahn der Zeit.

Schafft Wissen! Schafft Mehrwert!

Zur Handreichung ein versöhnliches Beispiel zum Schluss. Für “Ausweitung der Kampfzone” hat Michel Houellebecq den Grand prix national des lettres und den Prix Flore erhalten. Blick ins Buch:

Am Freitagabend war ich bei einem Arbeitskollegen eingeladen. Ungefähr dreißig Leute, alles mittlere Führungskräfte, fünfundzwanzig bis vierzig Jahre alt. Irgendwann begann so eine kleine Verrückte sich auszuziehen. Erst hat sie ihr T-Shirt ausgezogen, dann den BH, dann ihren Rock, wobei sie unglaubliche Grimassen schnitt.

Seehofers FB-Party: War Houellebecq auch da?

Seehofers FB-Party: War Houellebecq auch da?

Na bitte, das liest man doch auch heute noch gern. Was hier nur noch fehlt, ist der Zusatzcontent. Man wüsste ja schon gerne, wer alles da war auf der Party und ob es nicht ein paar Fotos und Zusatzinformationen über die kleine Verrückte gibt – wo sie wohnt, ob sie schon einen Freund hat und ob es sich bei der beschriebenen Szenerie nicht vielleicht um Horst Seehofers Facebook-Party gehandelt hat.

Monsieur Houellebecq! Autoren und Autorinnen! Teilt Euer Wissen!

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