Haus der Lüge – Was die Piraten mal von Blixa Bargeld wollten

Eine Partei, die der Bevölkerung empfiehlt, welche Musik zu hören sei – mir mag dabei uncommod werden. Aber ich bin ja auch ein Kind der alten Zeit. Die Piraten hingegen sind die Schöpfer der neuen Zeit. Für die ist das ganz normal.

Blixa Bargeld, Heinz Rudolf Kunze, Dieter Bohlen – so lauten die Empfehlungen der Partei am sich selbst. Man möge doch mal mit diesen Herrschaften in Kontakt treten und fragen, ob sie nicht Lust und Zeit hätten, sich öffentlich für die Piraten, deren Zerhacken des Urheberrechts, aber auch viele andere schöne Dinge “im Bereich der Grundrechte, der Bildung, der Staatstransparenz und Open Access” auszusprechen. Dieser Kunze zum Beispiel. Der sei “erklärter ‘roter’ und Systemkritiker, müsste passen.”

Die Korrespondenz mit Heinz Rudolf Kunze wäre natürlich interessant zu lesen. Der ehemals prominente Besinger einer “Radioquote” für deutsche Musik befasst sich mit dem Thema Urheberrecht seit mindestens den 90er Jahren und kann nicht “Rock’n'Roll” sagen, ohne “Wirtschaftsfaktor” zu meinen. Eine Google-Suche nach “Heinz Rudolf Kunze Urheberrecht” führt zu einigen Links, die Abmahnungen der im Themenfeld einschlägigen Waldorf RAe zum Thema haben.

Bargeld und Bohlen passen da – auf jeweils absurde Weise – schon besser. Auch Jan Delay steht auf der altertümlichen Promiliste, die im Sinne dieser unerhörten Transparenz in ein virtuelles Hinterzimmer des Netzes verklappt wurde (aufgefunden via Julia Seeliger, die sich in ihrem Ex-Blog schon einmal die Lesemühe gemacht hat). Nur Sven Regener hatte man vor zwei, drei Jahren noch nicht auf dem Schirm.

Die Kulturempfehlungen an die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes sind jedoch andere. Nie kämen die Piraten auf die Idee, “Haus der Lüge” von den Neubauten der Bevölkerung zur Erbauung anzuempfehlen, in dessen Text es heißt:

Hier leben die Blinden, die glauben, was sie sehen, und die Tauben, die glauben, was sie hören.

Das Volk soll durch das frei verfügbare Wissen im Internet ja lernenpopernen und nicht die Schwarmintelligenz durch einen kritischen Geist mindern. Dies wäre nicht im Sinne des Allerhöchsten. Von der bayrischen Abordnung der Piraten ist bekannt, dass sie crowdfinanzierte Filme über Jesus und über Internetreligion für sehr ratsam hält. Aber wie halten es die Piraten mit der Musik – nicht formal, juristisch und formaljuristisch, sondern inhaltlich?

Es ist eine gemeine und infame Lüge zu behaupten, die Piratenpartei hätte gar kein musikalisches Programm! Denn die Piraten interessieren sich nicht nur für die elaborierten Hochqualitätswerke der Gesellschaftskunst von Johannes Ponader (“Godspell – Musical nach dem Matthäus-Evangelium” oder “Gold oder die Würde des Menschen – Drama mit und ohne Grundeinkommen“), sondern auch für das Leichte das Triviale, das Volksnahe: für Popmusik.

Welche die beste ist, verrät die Internetseite musik.klarmachen-zum-aendern.de. Der aktuelle Smash-Hit – neu von 0 auf 1 in den CC-Charts – kommt von einer Formation namens Botany Bay und trägt den beziehungsreichen Titel: “Piracy”. Hören wir doch mal rein!

Dräuende HiHats machen jedem urheberechtsgeilen Tatort-Autoren zu Beginn klar, wo der Hammer hängt. Die Gitarre tremoliert die neue Zeit herbei. Zack, macht die Snare auf der vierten Zählzeit – in einem Sound aus Pappkarton, der das Prädikat “abmahnfähig” wohl verdient.

Die Pop-Preziosen von Botany-Bay aus ungeschliffenem Plexiglas der Leistungsklasse gehen nicht nur ordentlich aufs Standbein, sondern geben auch stark zu denken. Was wird da gesungen? Genau:

Stop forcing us, forcing you, forcing me into piracy
Look the only thing it’s all about is cultural diversity
We wanna be free to share our work
We just want it to be free for public use

Das hätte der böse Plattenboss nie gesignt: Ein flammender Appell for togetherness in den ersten beiden Zeilen, eine ungereimte, aber präzise Beschreibung der bereits jetzt geltenden Rechtslage – das ist volle Kanne wisdom, das ist true, das is real: Das sind Stephan und Laura, das sind Botany Bay aus Bonn!

Willkommen in der neuen Zeit. Gibt es eigentlich Myspace noch?

 

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2 comments on “Haus der Lüge – Was die Piraten mal von Blixa Bargeld wollten

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