Der Wirtshausvergleich: Von Parteisoldaten und Musikantenopfern

An der Basis der Piraten möchte man sich nun wirklich nicht aufhalten – schon gar nicht als ein von denen Betroffener. Mittels der Infrastrukturtechnologie Twitter wird man mitunter dennoch Zeuge unerquickliche Aufeinandertreffen von Parteisoldaten und Musikantenopfern:

Wirtshausagument und Weinereiargument

Gibt es nur zusammen: Wirtshausagument und Weinereiargument

Der Wirtshausvergleich geht in etwa so: Wenn man in ein Wirtshaus geht und ein Bier und einen Hering verzehrt, muss man zahlen – und zwar den Betrag, der sich aus den in der Karte angegebenen Preise ergibt. Anders ist es nur in privatem Rahmen, wenn man Freunden ein Bier und einen Hering serviert. Und so sei es auch mit der Musik.

Man kann durchaus nachvollziehen, dass Piraten davon genervt sind, wenn ihnen ewig gleiche Gegenargumente vorgebracht werden, wo sie doch die jeweilige Forderung stets und ständig ändern.

Auch das Bashing der Urheber hat seinen wohlfeilen Grund. Intellektuellenfeindlichkeit hat ja eine gewisse Tradition in diesem Lande, in die man sich dann und wann gern oder weniger gern stellt. Auch strategisch ist das sehr sinnvoll, wie ich gerne bereit bin dazulegen:

Nehmen wir einmal an, ich möchte Marina Weisband, der politischen Geschäftsführerin der Piratenpartei, einen Brief schreiben. Dann kommt die Deutsche Post und sagt: 55 Cent, Freundchen, aber ein bisserl plötzlich, Deckel machen kannste im Wirtshaus! Und noch ehe der Brief im Westfälischen eintrifft, hat dann der Zumwinkel die 55 Cent auch schon an der Steuer vorbeigeschummelt und sich einen Vermögensvorteil verschafft, von dem Otto-Normal-Pirat sehr lange fahrscheinlos Straßenbahn fahren könnte!

Deutsche Post: Klarmachen zum Ändern!

Ohne Zweifel betreibt die Deutsche Post ein Geschäftsmodell, das nicht mehr zeitgemäß ist und im Vergleich zur Email überteuert und wenig konkurrenzfähig ist. Es braucht also dringend eine Partei, die auf parlamentarischem Wege diesem Treiben die rechtliche Grundlage entzieht und nachts im Wirtshaus auf die Briefträger einbellt, die zuviel weinen.

Nun, eine solche Partei hätte die Wahlen in NRW bereits verloren. In NRW gibt es 25.000 Briefzusteller, die für sie zuständige Gewerkschaft heißt ver.di. Damit hätte eine solche Partei auf der Stelle einen echten politischen Gegner, der sich von dem bisschen Piratengeschrei nicht so aus der Fassung bringen lässt wie, sagen wir mal, Claudia Roth. Und 25.000 potenzielle Wähler beleidigt man auch nicht, ohne ernsthaft Schaden zu nehmen. Denn Briefträger haben das zu verlieren, was sie zu Briefträgern macht: ihren Job.

Matratzenindustrie: Dich machen wir platt!

Die “Urheber” sind da ein leichteres Opfer. Davon gibt es nicht ganz so viele, die ihren Lebensunterhalt mit urheben bestreiten. Um über die Runden zu kommen, spielen sie in Top-40-Bands, geben wahlberechtigten Rotznasen ab 12 Gitarrenunterricht und produzieren in guten Jahren vielleicht noch einen Werbejingle für den Kinospot der örtlichen Pizzeria. Deswegen sind die in der GEMA, weil sie dann für ihren Werbejingle noch 20 Euro extra kriegen. Das reicht für einmal Tonno, einmal Funghi. Und ne Cola.

Warum zahlt die GEMA denen nicht einfach mehr und schafft ihren Mitgliedern mit lobbyistischen Mitteln die Piratenplage vom Hals? Nun, die GEMA ist eine denkbar harmlose Lobbytruppe, weil die nämlich ähnlich arm ist: Mit 800 Mio. Euro irgendwas Umsatz im Jahr ist die GEMA etwa so groß wie die Matratzenindustrie, das unbedeutendste  Glied der Möbelbranche. Jede gutgehende Schraubenschlüsselfabrik im Sauerländischen hat mehr Geld als der Musikalisch-kulturelle-Komplex.

Und so bleibt den Urhebern in der Tat nur übrig, leise ins Bier zu weinen und zu hoffen, dass keiner es twittert. Das ist gut so. Denn es nützt der Partei.

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