Wenn die Piratenfahne kalt klirrt: Urheberrecht reloaded

Die Internetlobby empfiehlt ja fortwährend das genaue Studium des Programms der Piratenpartei [pdf]. Die Leküre ist in der Tat nicht gerade unspektakulär:

Im Zuge der Digitalen Revolution aller Lebensbereiche sind trotz aller Lippenbekenntnisse die Würde und die Freiheit des Menschen in bisher ungeahnter Art und Weise gefährdet.

Erster Satz der Präambel des Grundsatzprogramms der Piratenpartei

Hoppla. Nun, sollte man dabei irgendwie an Google, Facebook oder das ganze Postprivacy-Geschmeiß gedacht haben, ist das nun so falsch nicht. Aber die Piraten dürften Anderes im Sinne haben.

Was für die Grünen der Saure Regen war, ist für die Piraten das Urheberrecht. Die bezüglichen Forderungen bleiben im Programm jedoch vage und gleichen frappant dem Heilsgewäsch der Netzprophetie der Neunziger, das damals schon Kololores war und nun parlamentarisch und ideologisch zu gerinnen scheint.

Auf dem Hintergrund des aktuellen Geshitstormes, Erbsengezähles und Gezeters anlässlich des Beitrags “Mein K©pf gehört mir” im Handelsblatt wird eine Passage allerdings interessant:

In der Tat existiert eine Vielzahl von innovativen Geschäftskonzepten, welche die freie Verfügbarkeit bewusst zu ihrem Vorteil nutzen und Urheber unabhängiger von bestehenden Marktstrukturen machen können.

Welche “innovativen Geschäftskonzepte” das wohl sein mögen, die tauglich sind, beispielsweise Musiker gerecht (oder überhaupt) zu beahlen und eine kulturelle Produktion auf einem hohen Niveau zu sichern? [Gut, das wird dort auch nicht beansprucht. Aber darum geht's ja] Hierzu macht ein erstaunlich kurz gehaltener “Reader Urheberrecht” des bayrischen Landesverbands der Piraten einige Einlassungen, die an Naivität auch von anderen Piraten nur schwer zu übertreffen sein dürften.

Das Geschwalle um Privatkopie, die bösen Verwertungsgesellschaften und irgendwelche Studien, die irgendwas angeblich beweisen (“Forscher haben herausgefunden: kino.to-Nutzer gehen überdurchschnitlich oft ins Kino”), ist cum grano salis bekannt und braucht trotz der immer wieder entwaffnenden Beknacktheit an dieser Stelle nicht weiter gewürdigt werden.

Von spektakulärerer Blödheit ist indes “Anhang 2″ des Readers. Dort stehen sie nämlich, die innovativen Geschäftsmodelle, mittels deren Sven Regener zukünftig gefälligst seinen Lebensunterhalt bestreiten soll. Und zwar:

“Verkauf der Erstveröffentlichung / Schwarmvorfinanierung”

Der “Verkauf der Erstveröffentlichung” soll in etwa so funktionieren, dass ein Musiker sein Album auf eigene Kosten produziert, also die Ocean Way Studios aus dem Mitteln seiner Portokasse bucht und von seinem Taschengeld das Mastering von Bob Ludwig bezahlt. Dann fragt der Künstler im Internet rum, ob nicht irgendwer sich bereitfindet, nach dem Probehören eines Snippets einen Betrag seiner Wahl zu spenden. Sollte er auf diesem Wege die Produktionskosten refinanziert bekommen, veröffentlicht er das Werk – kostenlos für die Allgemeinheit. Anderenfalls schmeißt er sein Album in die Tonne.

Die “Schwarmvorfinanzierung” gleicht diesem Modell. Hier wird allerdings die Produktion nicht durch den Künstler vorgestreckt, sondern durch den Schwarm. Das künstlerische Werk entsteht hier erst, wenn der Klingelbeutel voll ist. Die Schwarmvorfinanzierung sei nach Piratenglauben ein probates Mittel, auch größere und größte Budgets einzutreiben, etwa für die Produktion eines Spielfilms.

Nun mag man über Hollywood und die Plattenindustrie denken, was man will. Unter dem Wirken dieser Industrien ist aber zweifelsohne über die vergangenen Jahrzehnte ein großer kultureller Korpus an Werken entstanden. Die Plattenindustrie hat nicht allein profitable Künstler wie Tokio Hotel, Rammstein oder Madonna vermarktet, sondern auch Jazz und Klassik aus dem 14. Jahrhundert, was kein Mensch kauft – und erst recht kein Schwarm.

Die beiden “Geschäftsmodelle” (im Grunde nichts weiter als eine Spinnerei am Gasthaustresen) haben einen entscheidenden Nachteil: Sie lassen nur Werke entstehen, die ihre kommerzielle Verwertung bereits im Vorfeld der Veröffentlichung oder gar ihrer Poduktion unter Beweis gestellt haben, indem sie bereits Umsätze in gewünschter Höhe erzielt haben.

Nun weiß jeder, der schon einmal Musik gehört hat, dass erfolgreiche Musik mitunter nicht die Musik mit dem größten künstlerischen Wert ist. Die Modelle, die die Piratenpartei hier allen Ernstes vorschlägt, führen zwingend zu einer Mainstreamisierung von Musik oder Film. Ein echter Aufbau eines Künstlers, der über Jahre und eine ganze Reihe von Veröffentlichungen zu erfolgen hat, ist mit dieser Art von Geschäftsinnovation unter gar keinen Umständen zu leisten.

Man kann den Plattenfirmen vieles vorhalten. Aber ihren Katalog haben sie gepflegt. Sie haben Liebhaberthemen produziert und promotet, die sichere Verlustbringer waren und in der Bilanz gegengerechnet wurden. Und dies waren keine Ausnahmen. Der Flop eines Albums war der Regelfall. Man konnte und musste sich ihn erlauben, weil nur auf diese Weise eine reichhaltige Musiklandschaft entstehen konnte.

Es mag sich komisch anhören, aber es stimmt: Die Industrie hatte einen künstlerischen Auftrag.

Der Schwarm nicht.

“Social Payment “/ “Freizügiges Freemium”

Jeder zahlt – beispielsweise per Flattr -, was er will, für das, was der Künstler freiwillig und aus purer Lust hergestellt hat. “Freizügiges Freemium” funktioniert dergestalt, dass die Benutzung des eigentlichen Werks für alle kostenlos ist, besonders begeisterte User aber kostenpflichtig irgendwas anderes kaufen, ein Band-T-Shirt vielleicht.

Hier bleibt die Frage nach der Vorfinanzierung gänzlich unbeantwortet. Die Piraten gehen offenbar davon aus, dass es alles schon gibt und kein Musikstück neu produziert werden muss. Das “Freizügige Freemium” ist eine besondere Unverschämtheit dem Künstler gegenüber, weil er auf diese Weise dazu gezwungen ist, etwas ganz Anderes herzustellen als das, was er eigentlich will – Merch, Bonusmaterial, Nacktfotos, Zusatznutzen. Zu “Social Payment” hat Sven Regener bereits alles gesagt: “Das ist Straßenmusik. Ich will aber kein Straßenmusiker sein.” Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Werbefinanzierung

Ein alter Hut. Die Piraten halten ihn aber für besonders originell, weil es Google mit dieser althergebrachten Methode gelingt, Fantastilliarden einzunehmen. Wieso also sollte nicht auch Sven Regener sich seine Platten von T-Mobile bezahlen lassen?

Die Antwort darauf fällt leicht, weil das Thema “Sponsoring” im Musikbereich hinreichend mit Erfahrung hinterlegt ist. Und die Erfahrungen sind nicht durchweg positiv, um es mal vorsichtig zu formulieren. Für den Nutzer entsteht durch Werbefinanzierung ein geschmälertes Konsumerlebnis. Das weiß jeder, der schon einmal bei “Rock am Ring” oder beim “Hurricane”-Festival gewesen ist: Bei diesen Events handelt es sich um komplett durchverkaufte Veranstaltungen, bei denen der Zigarettensponsor entscheidet, welche Zigaretten man auf dem Festivalgelände rauchen darf. Es gibt keinen einzigen Fleck, der nicht von Sponsoreninteressen ausgefüllt wäre. Zudem sehen sich die Veranstalter weiterhin gezwungen, Eintrittsgelder zu erheben, weil das Geld von Bier-Brands, Turnschuhfirmen, Zigarrettenmarken, Handyanbietern ec etc etc nicht ausreicht, um Veranstaltungen dieser Größenordnungen zu betreiben.

Im Bereich der Tonträger sind die Erfahrungen mit Sponsoren zugegebenermaßen nicht so ausgeprägt wie im Live-Geschäft. Das hat viele Gründe, darunter auch den, dass sich Werbung hier nicht so einfach platzieren lässt. Was man aber weiß: Werbekunden stehen nicht lässig in der Gegend herum und freuen sich, wenn jemand mit ihrem Geld etwas macht, bei dem sie nicht mitreden dürfen. Werbung im Kulturbereich wirkt sich grundsätzlich auf die Produktion aus. Der Sponsor sponsert nicht. Er entscheidet in einem nicht gerade kleinen Maße über die kulturellen Inhalte. Dabei bedient er sich erfahrungsgemäß der Methode der Erpressung: Wenn du nicht machst, was unsere Corporate Guidelines sagen, gibt es kein Geld mehr.

Als die Independent-Bewegung aufkam, hätte man Leute auf offener Bühne aufgenüpft, die ernsthaft vorgeschlagen hätten, Musik durch Werbung zu finanzieren. Heute ist dies offenbar salonfähig.

Piratenschiff versenkt

Nun geben die Piraten zu, dass diese Modelle “noch in den Kinderschuhen stecken”. Künftig, im Goldenen Zeitalter, das anbricht, wenn die Digitale Revolution endlich genug Blut vergossen hat, um den Creative-Commons-Gott gändig zu stimmen, werde das alles viel, viel geiler noch. Trotzdem muss aber hic et nunc die GEMA hinfort und das Urheberrecht wenn nicht weg, so doch irgendwie anders.

Zu dieem Irrsinn fällt einem schwerlich noch etwas ein. Außer natürlich der gute alte Hölderlin:

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Totenkopffahnen.

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