Zum Elend der Urheberechts-Debatte

“Raubkopie – Das ganze Elend der Urheberrechts-Diskussion steckt in diesem einen Wort”, so schrob unlängst Stefan Niggemeier in den “Spiegel”. Leider jedoch ist das Elend der Urheberrechtsdebatte noch viel, viel größer.

Die Debatte ums Urheberrecht, schon von ihrem Wesen her eine ausgesprochene Fachthematik für hochausgebildetes Expertentum, verläuft vor allem deswegen so ergebnislos, weil sie von Leuten geführt wird, denen es an Kenntnis der Materie mangelt. Das liegt zum einen an der juristischen Dimension des Themas (die wenigsten Akteure der Debatte können  unterscheiden zwischen Urheberecht und Copyright, was zwei völlig verschiedene Dinge sind), zum anderen daran, dass Stefan Niggemeier, Sascha Lobo und das ganze Acta- und Internetlobbyvolk über keinerlei Branchenkenntnisse verfügt.Auch die Musikbranche hat kaum mehr Kenntnisse über sich selbst, da gutes Personal teuer ist und sie daher nicht mehr über ein solches verfügt. Damit ist es der betroffenen Industrie verunmöglicht, an der sie selbst existentiell betreffenden Debatte überhaupt teilzunehmen. Das Wissen darum, was Musik eigentlich ist und wie sie entsteht, ist verloren gegangen, weil den Erhalt und erst recht den Ausbau dieses Wissens niemand mehr bezahlen will.

Den seit langer Zeit qualifiziertesten Debattenbeitrag leistete unlängst Sven Regener in einem Interview mit dem “Zündfunk” (dem man anhand des Auftretens des Moderators auch entnehmen kann, wie überfordert die journalistischen Fußtruppen von all dem sind). Er sagt:

Zu glauben, man könne auf Plattenfirimen verzichten und dann würde man noch dieselbe Musiklandschaft vorfinden wie wir sie vor zehn Jahren hatten, das ist ein großer Irrtum.

Ob Plattenfirmen ihre Künstler gut oder schlecht behandeln respektive behandelt haben, ist im Wesentlichen eine ideologische Debatte – und kann nur mittels Einzelfallbetrachtung überhaupt beantwortet werden, weil in Deutschland grundsätzlich Vertragsfreiheit gilt, weswegen es eben gute und schlechte Plattendeals gibt.

Die Bezahlung der Künstler war nicht die einzige Funktion der Plattenfirmen. Sie hatten eine Vermittlerrolle zwischen den einzelnen Gewerken der Produkion inne. Als Hersteller von Industrieprodukten koordinierten sie das Zusammenspiel der zuliefernden Dienstleister und Produzenten. Und spätestens diese Zulieferer sind keine bösen multinational operierenden Konzerneinheiten wie Universal Music, sondern KMU, die nun ebenfalls von der Existenz bedroht sind oder die es schon gerissen hat. Denn die Plattenfirmen bezahlten nicht nur die Künstler, sondern auch sie, indem sie mitunter extrem kostenintensive Produktionen vorfinanzierten.

Toningenieure, Masteringstudios, Mikrofonhersteller – sie alle sind für das Entstehen von Musik, wie wir sie seit “Sgt. Pepper” gewohnt sind, mindestens so entscheidend wie Plattenfirmen, die im Grunde nur eine vermittelnde Funktion zwischen Markt und vermarktbarem Produkt wahrnahmen. Dit Hit Factory in New York? Dicht. Die Compass Point Studios auf den Bahamas? Geschlossen, wenngleich aus anderen Gründen. Allerdings war Compass Point Studios zum Schluss derart schlecht ausgestattet, dass AC/DC, David Bowie oder die Stones ihren eigenen Krempel hätten einfliegen lassen müssen, hätten sie dort aufnehmen wollen.

Der Tod der Plattenfirmen mag für die Konsumenten von Musik ein innerer Reichsparteitag sein. Seit ihrem Entstehen in den 50er Jahren galten sie als böse. Die Boshaftigkeit von Plattenmogulen ist ein integraler Mythos der gesamten Popkultur und war für sie durchaus wesensbestimmend: Die Sex Pistols hätten sonst kaum etwas über “EMI – unlimited supply” gesungen.

Der Tod der Plattenfirmen ist allerdings begründet durch das Sterben des gesamten Markts für egal auf welches Trägermedium aufgenommene und auf welchem Weg auch immer distribuierte Musik. Wenn es aber keinen Markt gibt, dann gibt es auch keine Produkte, die sich an diesen Markt richten.

Und das ist das Ende einer kulturellen Technik, das ist das Ende von aufgenommener Musik. So einfach ist das.

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6 comments on “Zum Elend der Urheberechts-Debatte

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  4. “…weil sie von Leuten geführt wird, denen es an Kenntnis der Materie mangelt.”
    .
    Da sagst Du was!

  5. Hab ich alles schon oft gesagt.

    Glaubt mir aber keiner.

    Dennoch.

    Muchas Gracias!

    P.S.: Tätigkeiten seit den späten 80ern: Komponist, Arrangeur, Produzent, Studiobesitzer, Toningenieur, Tourneemusiker, Texter, Labelbetreiber, Drehbuchautor.

    Das Meiste davon nicht so ganz erfolglos und seinerzeit auch dementsprechend angemessen vergütet.

    Heute nicht mehr.

    Die schöne Hardware ( tolle alte Neumann Mikros, wunderbare Vintage Preamps und ein paar handverlesene Instrumente ) hab ich aber noch. Behalt ich auch.

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