Ihr, die Netzkinder

Es gibt wohl keinen anderen Begriff, der in den Medien des ZEIT-Verlags ähnlich überstrapaziert worden ist wie der Begriff “Generation”. Unter dem Titel “Wir, die Netz-Kinder” geht das Geschwalle darüber, was die jungen Leute von heute wohl so denken, fühlen und auf Twitter twittern in eine erneute Runde.

Der jüngste Beitrag zur jahrzehntealten Debatte stammt von einem polnischen Ex-Blogger und kam den Verlag im Einkauf recht billig, da Text und Übersetzung unter Creative-Commons-Lizenz erschienen sind.

Um einen solchen Text zu verfassen, braucht man eigentlich natürlich keinen polnischen Dichter, der sich als “Netz-Kind” ausgibt, obwohl er vier Jahre vor AOL geboren wurde und somit alles andere als ein digital native ist. Vermutlich war es auch kein Dichter und Ex-Blogger, sondern die Beta eines computerlinguistischen Programms, die den Text generiert hat.

Wunder der Internet-technik! Es trotzt mir ehrliche Bewunderung ab, wie es dem Computerlinguisten gelungen ist, das Usenet auf dem Stand von 1998 mittels einer facettierten Suche zu erschließen und aus dem dort vorgefundenen Textkorpus Phrasen und Argumentationsbruchstücke zu extrahieren und sie zu einem neuen Text hochzukompilieren.

Der Umgang mit der Grammatik klappt ja schon ganz gut. Die Semantik macht natürlich noch Schwierigkeiten, wenn es um komplexe Begrifflichkeiten (“Demokratie”) geht. Aber das wird schon.

Auf Leser, die noch über Weltwissen verfügen, das sie nicht mühselig in quälend langen Sekunden bei Google abfragen müssen, sondern in Bruchteilen von Millisekunden über ihr neuronales Netz im Detz beziehen, wirkt der Text natürlich stark unterkomplex. Aber es ist ja nur noch eine Frage von wenigen Jahren, bis der Algorithmus bei der Erstellung von solchen Argumentationsdossiers auch Bildung und Lebenserfahrung des Lesers zu berücksichtigen weiß. Dann werden die Texte des ZEIT-Verlags für Sie und mich jeweils ganz andere sein.

Es ist tatsächlich das eingetreten, was die Netzpropheten von damals vorhergesagt haben. Damals hätte ich das nie für möglich gehalten.

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