Doppelter Doppelpass – Warum die Zukunft alt wird

Die Übertragung der Fußball-WM weist den Weg in eine totale mediale Zukunft.  Augenfällig wird dies am sehr bemerkenswerten Screen Design. Warum es das Internet wie wir es kennen nicht mehr lange geben wird

Die diesjährige WM ist das erste Großereignis dieser Art, das für Internetwiedergabe optimiert wurde.  Was dem Zuschauer optisch zu gemutet wird, ist entsprechend enorm. Die Grafik ist erkennbar diejenige eines totalitären Regimes. Das Kreativkonzept der On-air-Grafik kreist um das Thema “Große Röhren aus Metall”, die mal geschlossen, mal entrollt und mal im Durchflug durch die Öffnung gezeigt werden. Bei den Infografiken werden sie bis zum Umschlagpunkt einer 3D-Form zu einer 2D-Form entrollt, bleiben aber dreidimensional, so dass sich eine gewölbte Trapezform ergibt. Dies soll das Spielfeld sein, darauf sind die Spieler mit lustigen kleinen Vekorgrafikhemdchen dargestellt.

Das Design in seiner Gesamtheit orientiert sich an der visuellen Werbesprache wie sie typisch für unterentwickelte Länder sind und Gegenden, die von Despoten regiert werden. Schon die Ergebnisanzeige sieht aus wie eine Rundumkennleuchte der einer Geheimpolizei in einer stilisierten Lego-Darstellung:

Fußballgeheimpolizei

Dieses Design ist zwar sehr hässlich, aber es ist das Design der Zukunft. Das Internet wird noch so lange mediales Brachland sein, wie das Fernsehen noch ausprobiert. Gewinnen wird im Internet, wer die gesamte Screen ausfüllt. Am Design von bild.de man sehen, bis wohin traditionelle Internetmacherhei maximal so führen kann. Das Ende von Text als Code eines Masenmediums steht bevor – in exakt der gleichen Umnittelbarkeit, wie die totale Erschließung des Internets durch das Fernsehen bevorsteht.

Die Zukunft wird alt

Die Erschließungsmechanismen werden dabei die eines Konsolengames sein, das ebenfalls als Full-Screen-Anwendung die volle Aufmerksamkeit beansprucht. Das Design der Fußball-WM ist nicht zufällig (in seiner Prolligkeit, in seiner klobigen Dreidimensionalität), sondern eine sehr klare und hochprofessionelle Umsetzung der Screengestaltung auf der Konsole. Die Umsetzung solcher Informations- und später auch Schaltelemente für Fernsehbild, das für Desktop, Smartphones und weitere mobile Endgeräte optimiert wird, ist entscheidend für die nächste Evolutionsstufe des Internets: ein totales Medium, gegen das die frühere Macht des Fernsehens ein fast so absolutes Nichts gewesen sein wird.

Wahrscheinlich muss man das Design sofort auf einer Sonder-documenta ausstellen, um zu zeigen, zu mahnen, ja aufzurütteln: dass die Zukunft alt wird.

Die Zukunft ist ein einziges großes Heute

Keine Auffälligkeiten bei der Übertragung der Fernseh-WM ins Internet gibt es – auch das ist bemerkenswert! – beim Ton. Die Tontechnik ist vielleicht das einzige Mediengewerk, das sich nicht einstellen muss auf die Belange des Internet. Die Bandbreitenprobleme sind kein echter Hemmschuh mehr, der Qualitätsverlust durch weiterhin unnötig komprimierte Klangdateien wird bald durch einen neuen Standard ausgeglichen werden müssen. Aber grundsätzlich gewinnen Toninhalte sogar schneller an Bedeutung als das Bewegtbild, an das sie meistenteils, aber eben nicht vollständig gekoppelt sind. Hier wird die Zukunft also nicht mehr älter, sondern bleibt heute für immer.

[tbc]

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